Am Anfang ist das Wort




Wort-Collage

 

1: Der Evangelist

2: Der Zyniker/Skeptiker

3: Der verzweifelt Aggressive

4: Der/die Liebende

 

1          Am Anfang war das Wort

 

2          und ein Wort gab das andere

 

3          Kannst du dich nicht einmal gescheit ausdrücken!

 

4          Wenn er doch nur ein Wort zu mir sagen würde

 

 

1          Und das Wort war Gott

 

2          und seine Worte waren wie Dolchstöße

 

3          Natürlich, immer du mit deinen tollen Worten!

 

4          Ich warte auf sein Wort wie auf einen Kuss.

 

 

1          Und das Wort ist Fleisch geworden

 

2          Nicht nur Worte will ich, Taten will ich sehen!

 

3          Hast du dir auch nur einmal überlegt, was deine Worte anrichten!?

 

4          Ihre Worte, sie lassen mich zittern – vor Glück.

 

 

1          Und das Wort hat unter uns gewohnt

 

2          So viele Worte, so viele Menschen!

 

3          Glaubst du wirklich, dass dich auch nur einer versteht?

 

4          Ihre Worte, mein zu Hause, mir unter die Haut.

 

 

1          Und wir haben seine Herrlichkeit gesehen

 

2          Baut euch ein Schloss aus Worten, drinnen wohnen könnt ihr nicht.

 

3          Sieh sie dir an: ein Wort von ihm - und sie spielt verrückt!

 

4          Ein Wort, und meine Seele wird gesund.

 

 


Folgen der Sprachlosigkeit

 

Am vergangenen Sonntag war der internationale Tag der Familie. An diesem Tag soll deutlich werden, wie wichtig die Familie für ein gesundes und glückliches Aufwachsen von Kindern ist. Hier in der Familie - als Keimzelle der Gesellschaft - sollen sie Nähe und Geborgenheit finden, soziale Kompetenzen erwerben, sich in eine Gemeinschaft einfinden. Staat, Gesellschaft und Kirche, eben auch wir alle, sollen die Familie unterstützen und stärken, damit sie ihre wichtige Aufgabe bewältigen kann.

Für eine gelingende Entwicklung braucht ein Kind Nahrung, Pflege, Wärme, körperliche und sprachliche Zuwendung, aus der dann eine sichere Bindung entsteht. Die Grundlage für das gesamte weitere Leben.

Vor langer Zeit wollte ein Staatsmann herausfinden, welche Sprache die natürliche ist, welche sich von ganz allein entwickeln würde. Er ordnete ein Experiment an, in dem Ammen eine Gruppe von Säuglingen ausreichend ernähren und körperlich versorgen sollten, ihnen aber keinerlei weitere Zuwendung geben durften. Diese Ammen durften mit den Kindern nicht sprechen. Das Ergebnis dieses Experiments ist Ihnen vielleicht bekannt, es ist ein trauriges — alle Kinder verstarben noch im Kleinkindalter, aus Mangel an menschlicher, zugewandter Kommunikation, aus Mangel an Sprache.

Sprache ist Nahrung für Geist und Seele. Worte sind wie Brot, sie sind wichtig und kostbar -für jeden Menschen, in jedem Alter.

Worte werden auch benutzt wie Steine, um damit zu beleidigen, zu verletzen. Worte werden missbraucht, im Überfluss verschwendet. Denken wir nur an die vielen Worte in den Medien, in der Werbung, in Talkshows usw. Da geht es überwiegend nicht um das zugewandte, verstehende Wort, das eigene wie das des menschlichen Gegenübers.

Ich selbst arbeite in einer Grundschule in einem sogenannten sozialen Brennpunkt. Ich erlebe Kinder und Erwachsene, die sich danach sehnen, dass man ihnen zuhört und die behutsam lernen, sich durch Worte auszudrücken und nicht durch Taten allein und die behutsam lernen, anderen wirklich zuzuhören.

Der Tag der Familie am vergangenen Sonntag soll uns Christen ein steter Impuls sein, die eigene Familie zu stärken, aber auch die, denen wir begegnen - und sei es durch ein freundliches, feinfühliges und offenes Wort.

 

Am nächsten Samstag ist der internationale Tag des Spiels - eine wunderbare Gelegenheit für

Taten und Worte .... Worte sind kostbar.

 

Regina Brandt-Stipan


Unaufhaltsam

 

Das eigene Wort,

wer holt es zurück,

das lebendige

eben noch ungesprochene

Wort?

Wo das Wort

vorbeifliegt verdorren

die Gräser, werden die

Blätter gelb, fällt

Schnee.

Ein Vogel käme dir wieder.

Nicht dein Wort, das eben

noch ungesagte, in deinen

Mund. Du schickst andere

Worte hinterdrein,

Worte mit bunten, weichen

Federn. Das Wort ist

schneller, das schwarze Wort.

Es kommt immer an, es hört

nicht auf, anzukommen.

Besser ein Messer als ein

Wort.

Ein Messer kann stumpf sein.

Ein Messer trifft oft

am Herzen vorbei.

Nicht das Wort.

Am Ende ist das Wort,

immer

am Ende

das Wort.

 

 

Hilde Domin